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Archiv der Kategorie Spiegel (Printausgabe)

Sex für 14 Asse

Aus dem Schlamm der Londoner Themse hat ein Hobbysucher ein römisches Metallstück gefischt, bei dem es sich nach Ansicht von Historikern um einen Bordellchip handeln könnte. Die Vorderseite des Fundes zeigt eine auf dem Bauch liegende nackte Frau, über der ein Mann kniet. Auf der Rückseite steht eine Zahl: 14 - möglicherweise der Preis für die dargestellte sexuelle Dienstleistung. 14 römische Asse entsprachen im ersten Jahrhundert nach Christus, aus dem der Zufallsfund stammt, etwa dem Tageslohn eines Arbeiters oder dem Preis für mehrere Laibe Brot. Solche Münzen („Spintriae”) könnten die gängige Währung in Bordellen mit Sklavinnen gewesen sein, damit diese selbst kein Geld in die Hände bekamen. Außerdem war es zumindest unter Kaiser Tiberius verboten, normale Münzen mit in die Lusthäuser zu nehmen - weil sie sein Bild trugen. Andere Wissenschaftler halten Funde dieser Art für Spielsteine von Brettspielen.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 03/2012.

Hunde als Schafe

Bis ins 19. Jahrhundert hinein haben sich nordwestamerikanische Ureinwohner offenbar langhaarige Hunde als Wolllieferanten gehalten. Die an der Pazifikküste lebenden Salish verwoben die Wolle der Vierbeiner in ihren Decken. Das haben britische Archäologen von der University of York bei der Materialanalyse von Textilien herausgefunden, die frühere Expeditionen an die Westküste bei den Salish eingesammelt hatten. Reine Hundehaardecken gab es bei den Ureinwohnern allerdings nicht; vielmehr mischten sie die Hundewolle mit Haaren von Ziegen und Schafen, wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Antiquity” berichteten. Die Textilanalysen bestätigen Berichte von europäischen Entdeckungsreisenden des 18. Jahrhunderts. Schon diese hatten beschrieben, dass die Salish ihre Wollhunde auf kleinen, der Küste vorgelagerten Inseln züchteten, damit die Tiere sich nicht mit den kurzhaarigen Dorfhunden paaren konnten.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 49/2011.

Frauen als Unheilsbringer

Mosaiken in den Empfangsräumen und Esszimmern römischer Villen erlauben Rückschlüsse auf die Rolle der Frau im antiken Rom - und damit auf die Welt- und Moralvorstellung des Hausherren. Die Kunsthistorikerin Luz Neira von der Universidad Carlos III de Madrid hat gezielt Frauenmotive der römischen Mosaikkunst gesucht und ausgewertet. Meist, so ihr Fazit, tritt die Frau dabei in einer von drei Rollen auf: Die erste ist die der guten Ehefrau oder Tochter. Ungehorsame Frauen dienten lediglich als Lehrstück. Ein Beispiel hierfür ist der Mythos der Pandora, die verbotenerweise eine Büchse öffnet und damit Plagen über die Menschheit bringt. Eine zweite Gruppe zeigt die Frau als Lustobjekt, welches den Männern Vergnügen bereitet - meist außerhalb der Ehe. Die dritte Gruppe schließlich besteht aus Widerspenstigen, die sich um keinen Preis Männern unterordnen wollen. Hierzu zählen beispielsweise Amazonen. „Es ist bemerkenswert, dass in vielen dieser Bilder die Frau als Ursache für Kriege und andere Übel gezeigt wird”, betont Neira.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 47/2011.

Bierverächter aus Rom

Obwohl die Römer fast 400 Jahre lang in Britannien lebten, konnten sie sich wohl an eines nie gewöhnen: das britische Bier. Dafür spricht der Fund einiger Weinamphoren neben dem ehemaligen römischen Kastell Arbeia in South Shields, im Nordosten Englands. Die Vorratsgefäße stammen wahrscheinlich aus der italienischen Region Kampanien. Von einer Amphore sind fast alle Scherben noch da. Sie war fast einen Meter hoch - Platz für viele Liter Wein. „Behältnisse dieser Art wurden zum Transport großer Mengen genutzt”, sagt der Archäologe Nick Hodgson, der die Ausgrabungen leitete. „Das Bedeutende an dem Fund ist, dass diese Amphoren zu einem späteren römischen Typus gehören, der erst ab 250 nach Christus hergestellt wurde. Es zeigt, dass die Römer in diesen späten Jahren immer noch lieber Wein vom Mittelmeer tranken, als dass sie mit Bier Vorlieb genommen hätten.” zu diesem Zeitpunkt hatten die Römer seit der Invasion Britanniens im Jahr 43 nch Christus bereits rund 200 Jahre lang Zeit gehabt, sich mit dem britischen Gebräu anzufreunden.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 45/2011.

Löste Columbus die Kleine Eiszeit aus?

Als Christoph Columbus Amerika erreichte, könnte er ungewollt den Startschuss für die sogenannte Kleine Eiszeit gegeben haben. Diese Theoriehat der US-Geochemiker Richard Nevle jetzt auf dem Jahrestreffen der Geological Society of America vorgestellt. In den Jahrzehnten nach Columbus’ Entdeckungsfahrt rafften Kriege und eingeschleppte Krankheiten die einheimische Bevölkerung dahin. Als Columbus 1492 eintraf, lebten noch 40 Millionen Eingeborene auf den amerikanischen Kontinenten. Bis zu 90 Prozent von ihnen starben durch die Eroberungszüge der Europäer. Als Folge wurde weniger Holz verbrannt, riesige Flächen des zuvor bestellten Landes lagen brach, die Bäume kehrten zurück. Die neuen Wälder, so hat Nevle ausgerechnet, könnten bis zu 17 Milliarden Tonnen CO2 aus der Erdatmosphäre aufgenommen haben. Aufgrund des dadurch verringerten Treinhauseffektes habe sich die Atmosphäre merklich abgekühlt. Insbesondere auf der Nordhalbkugel gab es zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert tatsächlich eine Kälteperiode; Flüsse froren häufiger zu, es kam zu Missernten.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 43/2011.

Schrumpfköpfe durch Erdpech?

Natur-Asphalt war für die Chumash-Indianer ein wahres Wundermittel. Die Indianer, die von etwa 6500 vor Christus bis ins Jahr 1782 Inseln und Festland des heutigen Südkalifornien bewohnten, dichteten mit dem Erdpech Wasserflaschen und Boote ab, sie behandelten damit Gelenkerkrankungen und Knochenbrüche - und verwendeten es sogar als Kaugummi. Doch für den Gebrauch dieser Allzweckwaffe zahlten sie möglicherweise einen hohen Preis. Ein amerikanisch-schwedisches Forscherteam vermutet, dass Bitumen die Chumash zu einem chronisch kranken Volk machte. Für ihre Studie untersuchten die Anthropologen die Schädel von 269 erwachsenen Chumash, die auf den Inseln Santa Rosa und Santa Cruz begraben worden waren. Dabei kam heraus, dass die Schädel mit der Zeit geschrumpft waren. Mögliche Erklärung: Natur-Asphalt enthält viele polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Bei Babys, deren Mütter während der Schwangerschaft verstärkt diesen organischen Verbindungen ausgesetzt waren, kann es zu Kleinwuchs und kleineren Kopfumfängen kommen. Eine ältere Studie hatte gezeigt, dass die Chumash über einen Zeitraum von 7500 Jahren um zehn Zentimeter geschrumpft sind. Zudem kam bei den Indianern noch etwas hinzu: Statt Pflanzen und Schalentieren aßen sie häufig Fische - die waren aber stark mit PAK belastet.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 42/2011.

Die Sandalen von Camelon

Sie kamen, sahen - und hinterließen ihre Sandalen. Eine ungewöhnliche Entdeckung haben Archäologen in zwei römischen Lagern im schottischen Camelon gemacht. In einem Festungsgraben lagen 120 Ledersandalen mit genagelten Sohlen. Warum die römischen Soldaten so hoch im Norden derart viel Fußbekleidung horteten, ist für die Ausgräber ein Rätsel. Bislang glaubten die Forscher, die Römer hätten in dieser Region stets nur kurz ihre Lager aufgeschlagen. Tatsächlich aber scheinen sich die Besatzer in Camelon häuslich eingerichtet zu haben. Das Dorf gilt als einer der möglichen Orte für Camelot, den Hof des Sagenkönigs Artus. Einige Historiker glauben sogar, dass der angebliche Briten-Herrscher in Wahrheit ein Römer war.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 41/2011.

Hexen in geweihter Erde

Eine ungewöhnliche Entdeckung gelang dem italienischen Ausgräber Alfonso Forgione auf einem Friedhof in Piombino. Der Archäologe stieß auf das Grab zweier junger Frauen, die wahrscheinlich im Mittelalter als Hexen hingerichtet worden waren. Der einen Frau hatten die Totengräber 7 Nägel von jeweils vier Zentimeter Länge durch den Unterkiefer getrieben und diesen damit gleichsam festgenagelt. 13 weitere Nägel waren um den Leichnam herum eingeschlagen, um die Kleider am Boden zu fixieren, damit sie ihr Grab nicht mehr verlassen konnte. Warum aber lagen die angeblichen Hexen in geweihter Erde begraben? Forgione: „Vielleicht stammten die beiden Frauen aus einflussreichen Familien.”

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 40/2011.

Stinkende Zeitzeugen

Dänische Archäologen sind in Kopenhagen auf zwei öffentliche Toiletten aus dem 18. Jahrhundert gestoßen. Die Bedürfnisanstalten riechen selbst nach knapp 300 Jahren noch durchdringend nach verfaulten Eiern - für die Forscher ein Glücksfall, denn der Gestank bedeutet, dass sich die organischen Reste in den Fäkalien nicht ganz zersetzt haben. Die Aborte sind zudem randvoll: „Wir haben so viel Material gefunden, dass es Monate dauern wird, bis wir alles gersichtet und analysiert haben”, berichtet Archäobotanikerin Mette Marie Hald. Anhand der Verdauungsprodukte können die Forscher feststellen, was zu Zeiten des dänischen Königs Friedrich IV. auf dem Speiseplan der Stadtbewohner stand. Einige der Nahrungsmittel lassen sich schon jetzt mit bloßem Auge erkennen: Von Kirschen, Feigen, Flachs und Roggen etwa sind noch Kerne, Samen oder Körner erhalten. „Manch einer hat offenbar auch das ganze Kerngehäuse eines Apfels verschluckt”, erklärt Hald. Die Abtritte waren nach Erkenntnissen der Forscher bis Oktober 1728 in Gebrauch - dann vernichtete eine Feuersbrunst große Teile der Stadt.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 38/2011.

Kastrat mit Frauenleiden

Mit seiner Stimme kam der berühmte italienische Kastrat Farinelli (1705 - 1782) scheinbar mührlos über drei Oktaven - und er konnte einen Ton eine Minute lang halten, ohne Luft zu holen. Doch der Preis für seine Sangeskünste waren nicht nur die Hoden, die er noch vor der Pubertät einbüßte…

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Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 37/2011.